XChange Düsseldorf nutzt Theater als Raum für Begegnung und Austausch. Menschen mit und ohne Migrations- und Fluchtgeschichte teilen Erfahrungen, reflektieren gesellschaftliche Themen und entwickeln gemeinsam ein Theaterstück in einem sensiblen und geschützten Rahmen.
Theaterprojekt XChange Düsseldorf – Konzeption, Erfahrungen und Rahmenbedingungen
Das Theaterprojekt von XChange Düsseldorf dient nicht nur der gemeinsamen Gestaltung eines Theaterstücks, sondern vor allem dem Teilen persönlicher Erfahrungen und dem Aufbau eines vertrauensvollen, solidarischen Miteinanders. Da Migrations- und Fluchtgeschichten eine zentrale Rolle spielen, ist es von besonderer Bedeutung, von Beginn an einen sensiblen, geschützten und wertschätzenden Raum zu schaffen. Theater wird dabei nicht primär als Produkt verstanden, sondern als ein langer gemeinsamer Prozess, der Zeit, Offenheit und gegenseitiges Vertrauen erfordert.
Neben der künstlerischen Arbeit steht die Beziehungsarbeit im Mittelpunkt. Die Erfahrungen aus dem Projekt zeigen, dass diese Beziehungsebene eine grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass persönliche Geschichten überhaupt geteilt und gemeinsam bearbeitet werden können.
Zielgruppe
Das Projekt richtet sich an Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, insbesondere an Personen mit Migrations- und/oder Fluchterfahrung, versteht sich aber bewusst auch als Begegnungsraum für Menschen mit und ohne Migrations- oder Fluchtgeschichte. Die Teilnahme ist freiwillig und setzt keine theaterpädagogischen Vorkenntnisse voraus. Unterschiedliche sprachliche Kompetenzen, Altersgruppen und Erfahrungshintergründe werden ausdrücklich als Ressource verstanden.
Gleichzeitig ist es wichtig, sich der Verantwortung bewusst zu sein, die mit dieser Vielfalt einhergeht. Unterschiedliche Biografien, politische Haltungen und Diskriminierungserfahrungen bringen auch potenzielle Konflikte mit sich. Der Raum muss daher aktiv gehalten werden. Besonders bei jüngeren Teilnehmenden ist zu beachten, dass sensible Themen auch Verletzungen auslösen können. Diese Risiken sollten immer wieder gemeinsam thematisiert und reflektiert werden.
Wichtige Merkmale der Zielgruppe:
Menschen mit diversen Migrations- und Fluchtbiografien
Menschen ohne Migrations- oder Fluchtgeschichte
unterschiedliche Altersgruppen und Geschlechter
keine Vorerfahrung im Theater notwendig
Bereitschaft zur regelmäßigen Teilnahme und zur Arbeit in der Gruppe
Zusammensetzung der Gruppe bei XChange
Zu Beginn bestand die Theatergruppe aus etwa 20 Teilnehmenden. Davon hatten vier Personen keine Migrations- oder Fluchtgeschichte. Eine Person hatte eine eigene Fluchtgeschichte, eine weitere war selbst nach Deutschland migriert. Der Großteil der Gruppe, etwa zwölf Teilnehmende, hatte eine Migrationsgeschichte und gehörte der zweiten Generation von Migrant*innen an.
Nach etwa einem halben Jahr reduzierte sich die Gruppengröße auf rund zehn Personen. In dieser Phase bestand die Gruppe aus drei Personen ohne Migrationsgeschichte, einer Person mit Fluchtgeschichte, einer selbst migrierten Person sowie mehreren Teilnehmenden der zweiten Generation von Migrant*innen. Diese Veränderung verdeutlicht, dass Fluktuation ein natürlicher Bestandteil langfristiger Theaterprojekte ist.
Thematischer Fokus
Im Mittelpunkt stehen gesellschaftlich relevante und zugleich sehr persönliche Themen, die sich sowohl aus den Lebensrealitäten der Teilnehmenden als auch aus aktuellen gesellschaftlichen Debatten ergeben.
Zentrale Themen sind unter anderem:
Migration und Flucht
Identität und Zugehörigkeit
Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung
Heimat, Ankommen und Verlust
Queerness
Der Umgang mit diesen Themen erfordert einen achtsamen und klaren Rahmen. Die Teilnehmenden entscheiden selbst, welche Erfahrungen sie teilen möchten und welche nicht.
Düsseldorf, 30.09.2025: Kulturelle Bildung im soziokulturellen Zentrum zakk.
Theaterprojekt XChange – Für eine inklusive Gesellschaft in Düsseldorf
Mit Projektleiterin Makileny Vijayakumar
Die thematische Vielfalt im Projekt XChange stellte zugleich eine große Bereicherung und eine Herausforderung dar. Aktuelle politische Debatten und der gesellschaftliche Umgang mit Migration prägten den Prozess nachhaltig und stellten die Zusammenarbeit immer wieder vor neue Fragen: Wie gehen wir mit rassistischen Aussagen um? Wie wird aufgeklärt, und wie positioniert sich die Gruppe? In diesen Auseinandersetzungen sind Teilnehmende häufig über sich hinausgewachsen, haben andere Lebensrealitäten kennengelernt und versucht, diese nachzuvollziehen.
Der Probenraum wurde bewusst als Ort des kritischen Austauschs geöffnet. Eine besondere Herausforderung bestand darin, diese Vielzahl an Themen in einem gemeinsamen Theaterstück zu bündeln und zu entscheiden, welche Aspekte stärker gewichtet werden und welche eher implizit behandelt bleiben.
Zielsetzung und Mehrwert für die Teilnehmenden
Das Projekt verfolgt sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Ziele. Auf persönlicher Ebene ermöglicht der Theaterprozess den Teilnehmenden, die eigene Geschichte zu reflektieren, neue Ausdrucksformen zu entdecken und Selbstwirksamkeit zu erfahren.
Mehrwert für die Teilnehmenden:
Stärkung von Selbstbewusstsein und Ausdrucksfähigkeit
Erfahrung von Sichtbarkeit und Selbstwirksamkeit
Aufbau von Vertrauen und Gemeinschaft
Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen
Auf gesellschaftlicher Ebene trägt das Projekt zur Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven bei und fördert Dialog, Empathie und gegenseitiges Verständnis.
Skript oder gemeinsamer Erarbeitungsprozess
Eine zentrale konzeptionelle Entscheidung betrifft die Frage, ob mit einem festen Skript gearbeitet wird oder ob das Theaterstück gemeinsam mit den Teilnehmenden entsteht. Die Erfahrungen bei XChange Düsseldorf zeigen, dass sich insbesondere bei sensiblen und biografisch geprägten Themen ein gemeinsamer Erarbeitungsprozess bewährt.
Der Prozess basiert auf Gesprächen, Improvisationen, Schreibübungen und regelmäßiger Reflexion. Dabei ist es besonders wichtig,
auf Gruppendynamiken zu achten,
individuelle Grenzen zu respektieren und
Inhalte kontinuierlich gemeinsam zu überprüfen.
Gruppengröße und Teilhabe
Für die aktive Mitwirkung auf der Bühne hat sich eine Gruppengröße von bis zu zehn Personen als realistisch erwiesen. Bei einer größeren Gruppe muss von Beginn an transparent kommuniziert werden, dass nicht alle Teilnehmenden auf der Bühne stehen können. Diese Klarheit ist notwendig, um Enttäuschungen und falsche Erwartungshaltungen zu vermeiden.
Möglichkeiten der Beteiligung außerhalb der Bühne:
Mitarbeit an Texten und Szenen
dramaturgische Unterstützung
Organisation und Öffentlichkeitsarbeit
Bühnenbild, Musik oder Ausstattung
Projektleitung und Verantwortung
Die Arbeit mit gesellschaftlich sensiblen Themen erfordert eine einfühlsame und erfahrene Projektleitung. Neben fachlichem Know-how sind insbesondere Sensibilität für emotionale Prozesse und ein tiefes Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten entscheidend.
Zentrale Anforderungen an die Projektleitung:
Erfahrung in Theater- oder Gruppenarbeit
sensibler Umgang mit biografischen Themen
Fähigkeit zur Begleitung komplexer Gruppenprozesse
Bereitschaft zur kontinuierlichen Reflexion mit der Gruppe
Beziehungsarbeit und emotionaler Schutz
Das Projekt beschränkt sich nicht auf die wöchentlichen Proben. Einzelgespräche mit Teilnehmenden sind ein wichtiger Bestandteil des Prozesses, insbesondere dann, wenn persönliche Erwartungen, Unsicherheiten oder Konflikte entstehen.
Grundprinzipien des emotionalen Schutzes:
Freiwilligkeit bei persönlichen Beiträgen
Möglichkeit zu Pausen und Rückzug
Respekt vor individuellen Grenzen
sensibler und vertraulicher Umgang mit persönlichen Geschichten
Probenprozess und Dynamiken
Theaterproben verlaufen nicht immer gleichmäßig oder planbar. Es gibt Phasen hoher Verbindlichkeit, aber auch Zeiten, in denen Teilnehmende unregelmäßiger erscheinen oder kurzfristig abspringen. Diese Dynamiken müssen im Prozess mitgedacht und flexibel aufgefangen werden.
Es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll sein kann, ein Theaterstück erst nach etwa einem Jahr Projektlaufzeit konkret aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Netzwerk meist stabiler, und die Projektleitung kann schneller reagieren, falls neue Teilnehmende eingebunden werden müssen.
Aufführung und Öffentlichkeit
Vor der Aufführung müssen klare Absprachen getroffen werden. Dazu gehören Fragen nach der Öffentlichkeit der Präsentation, dem Umgang mit Fotos, Videos und Presse sowie dem Schutz persönlicher Inhalte.
Wichtige Aspekte hierbei sind:
Freiwilligkeit der öffentlichen Sichtbarkeit
transparente Kommunikation über mögliche Außenwirkungen
Schutz sensibler Inhalte und Biografien
Reflexion, Evaluation und Nachhaltigkeit
Nach Abschluss des Projekts sind gemeinsame Reflexionsräume zentral. In Feedbackrunden werden Erfahrungen ausgewertet und Perspektiven für zukünftige Projekte entwickelt.
Ziele der Reflexion:
Auswertung des gemeinsamen Prozesses
Lernen für zukünftige Projektformate
Entwicklung von Anschlussmöglichkeiten und nachhaltigen Netzwerken
Dieses Theaterprojekt versteht sich nicht nur als künstlerisches Format, sondern als sozialer und gesellschaftlicher Prozess, der Zeit, Sensibilität und gegenseitiges Vertrauen erfordert.
Feedback aus dem Publikum
„Als Migra-Kind hat mich das Stück echt getroffen. So vieles wurde laut gesagt, was man sonst nur leise mit sich trägt. Gerade die queer Themen, Scham, Familiendruck und dieses ständige Andersfühlen so offen zu zeigen, braucht echt Mut. Leyla war roh, unbequem und genau dadurch unglaublich echt. Solche Stücke braucht es mehr.“
Efe K
„Tolles Stück mit ehrlichen, spitzen und tiefgründigen Dialogen. Ein Abbild der Gesellschaft, erzählt im Privaten. Immer wieder bricht eine Person heraus und spricht das Publikum direkt an, dabei bleiben die Worte stark, mit einer klaren Haltung, aber so kunstvoll und komplex, dass man nicht das Gefühl hat, ein Klischee zu reproduzieren. Und am Ende geht es um Wachstum, seinen Platz im Leben und darum, Frieden, Liebe und Heilung in uns selbst zu finden..“
LR
„Die Hauptdarstellerin hat Leyla nicht einfach gespielt, sie hat diese Figur komplett gelebt. So viel Präsenz, Energie und Kontrolle auf der Bühne, aber gleichzeitig so rohe Verletzlichkeit. Man hatte nie das Gefühl, jemand schaut beim Schauspielern zu, sondern einem echten Menschen beim Zerbrechen und Kämpfen. Wirklich bombastisch. Und auch das ganze Ensemble war unglaublich stark. Man hat gemerkt, wie sehr alle miteinander harmonieren und sich gegenseitig tragen. Jede Szene hatte Spannung, Humor und trotzdem so viel Tiefe. Wir waren am Ende ehrlich sehr traurig, dass es schon vorbei war.“
Funda K
„Selten ein Stück gesehen, das so lustig und gleichzeitig so schmerzhaft ehrlich ist. Man lacht und merkt erst Sekunden später, dass es eigentlich weh getan hat. Die Dialoge wirken so natürlich, dass man komplett vergisst, dass man im Theater sitzt. Keine künstlichen „Theater-Menschen“, sondern Figuren, die sich echt anfühlen. Vor allem Leyla war unglaublich stark geschrieben: gleichzeitig verletzend, verletzlich, wütend, manipulativ und trotzdem so menschlich, dass man sich permanent dabei erwischt hat, sie verstehen zu wollen. Genau das macht die Figur so besonders. Das Stück schafft etwas, das heut selten geworden ist: Es spricht über Trauma, Familie, Migration, Queerness, Therapie und gesellschaftlichen Druck, ohne jemals belehrend zu wirken. Stattdessen fühlt es sich roh, lebendig und unangenehm echt an. Und trotz dieser Tiefe hatte der Abend so viel Humor, dass die Zeit komplett verflogen ist. Man merkt gar nicht, wie schnell alles vorbei ist. Bitte unbedingt weiter aufführen. Genau solche neuen, mutigen Stücke braucht Theater heute..“
Zehra Yilmaz
Fotogalerie
Düsseldorf, 30.09.2025: Kulturelle Bildung im soziokulturellen Zentrum zakk.
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